Integration der Transgenderbewegung und der Lesben- und Schwulenbewegung

Diesen Antrag stellte der TransMann e.V. als kooperatives Mitglied beim Verbandstag des LSVD am 8.-9.4.2000 in Hamburg. Er wurde mit einer Gegenstimme bei 3 Enthaltungen angenommen.


Der Verbandstag des LSVD möge beschließen:

Integration der Transgenderbewegung und der Lesben- und Schwulenbewegung

Historisch gesehen haben Lesben, Schwule und Transgender einen langen Teil ihres Weges zu Selbstbestimmung und Anerkennung gemeinsam zurückgelegt. Vor etlichen Jahren jedoch trennten sich die Wege, und während Lesben und Schwule mittlerweile zumindest eine gewisse Anerkennung der Vielfalt ihrer Lebensformen erreicht haben, müssen Transgender immer noch mit den Geschlechtsrollenklischees kämpfen, gegen die sich ja auch Schwule und Lesben seit Jahren wehren. Das geht vom Bestreiten der Existenz schwuler und lesbischer Transgender (denn richtige Männer und Frauen haben selbstverständlich heterosexuell zu sein) bis zu Uralt-Klischees, die beispielsweise Transfrauen Röcke vorschreiben und Transmännern Damenfahrräder verbieten. Außerdem wird weiterhin Transgendern, die bestimmte Maßnahmen, beispielsweise die genitalangleichende Operation, nicht wünschen, oftmals jegliches Recht auf einen Umstieg, und damit ein selbstbestimmtes Leben abgesprochen.

Erst seit relativ kurzer Zeit erstreiten sich auch Transgender das Recht, jenseits von Geschlechtsrollenklischees zu leben. Inwieweit dabei der/die einzelne alte Rollen aufgreift oder für sich neue schafft, ist eine individuelle Entscheidung, die jeder für sich selber treffen muß. Diese Freiheit muß auch die Freiheit enthalten, seinen Körper dem inneren Empfinden und/oder der gewünschten sozialen Rolle anzupassen - oder eben nicht. Gleiches gilt selbstverständlich auch für formale Dinge - wie zum Beispiel dem Namen und Personenstand. Der LSVD unterstützt daher auch das Bemühen, das TSG entsprechend zu reformieren.

Fundament dieser Entwicklung kann nur ein ständiger Dialog über die Geschlechtrollen in dieser Gesellschaft sein. Dieser Dialog wird bereits seit langem von der Lesben- und Schwulenbewegung geführt. Die besonderen Aspekte von Transgendern wurden dabei aber in der Vergangenheit zu wenig berücksichtigt.

Aus diesen Gründen beschließt der Verbandstag des LSVD, die Zusammenarbeit von Lesben, Schwulen und Transgendern zu fördern, und sich in Zukunft intensiv für die Belange von Transgendern einzusetzen.

Zur Begründung:
Die Transgenderbewegung betrachtet es als eine sehr wichtige Aufgabe, sich der Schwulen- und Lesbenszene wieder zu nähern.

Aus historischen Gründen wurde von Seiten der Transgender, aber auch der Schwulen und Lesben, seit etwa den 60er Jahren eine starke Abgrenzungspolitik betrieben. Diese war auch durchaus in gewissem Maße sinnvoll, um die Mißkonzeption, Transen seien ja nur Schwule und Lesben, die sich irgendwie nicht trauten, auf der einen Seite, und den Druck, der tatsächlich auf manche Schwule und Lesben ausgeübt wurde, doch umzusteigen und damit wieder "anständig heterosexuell" zu sein, auf der anderen Seite, aufzulösen.

Das ist mittlerweile geglückt. Der Schwerpunkt der angestrebten Zusammenarbeit wird dementsprechend auch in dem liegen, was die Transgenderbewegung und die Lesben- und Schwulenbewegung eint. Das sind zum einen die immer noch vorhandenen verwischt zusammenhängenden Bilder in der Bevölkerung, ebenso wie in wesentlich größerem und für die Transgender konsequenzenreicherem Maße bei sogenannten "Experten" und "Transsexualitätsverwaltern", bei denen es unserer Einschätzung nach nur nützen kann, durch gemeinsames Auftreten eben jene Unterschiede deutlich zu machen, zu beiderseitigem Nutzen. (Zitat aus "In and Out": "Und gehst Du jetzt nach Las Vegas und läßt dich operieren?") Beide Gruppen überschreiten die hier und heute herrschenden Geschlechtsrollenklischees und definieren Geschlecht und Geschlechtrolle neu.

Zum anderen sehr wichtig ist es die Tatsache, die überhaupt erst in den letzten Jahren langsam anfing, bekannt zu werden, nämlich dass ein großer Teil der Transen nach dem Umstieg schwul, lesbisch oder bi lebt (30-50%). Aber auch viele Transen, die sich selber als heterosexuell verstehen, fühlen sich in der Lesben- und Schwulenszene sehr wohl.
Dabei kommt es natürlich gelegentlich zu Problemen. Die Probleme lesbischer Transfrauen sind schon seit einiger Zeit immer wieder ein Thema, und kein besonders angenehmes. Bei den Transmännern sieht es etwas anders aus: schwule Transmänner sind nirgendwo ein Thema in der Schwulenszene – was das Leben eines schwulen Transmanns auch nicht unbedingt einfacher macht.

Nachdem nun so schön über die Unterschiede zwischen transgender und schwul/lesbisch geredet wurde, ist es noch wichtig, darauf hinweisen, dass diese Unterschiede in der Praxis ohnehin nicht keineswegs sauber sind. Es gibt ja nicht nur die Vollumsteiger, sondern unsere Definition von Transgender ist ja: "Ganz oder zeitweise als Mitglied des anderen Geschlechts auftreten oder wahrgenommen werden wollen". Und da wiederum ergeben sich dann natürlich massive Berührungspunkte mit dem "Drag"-Rand der Szene. Leider hat sich der "Vollzeit"-Teil der Transgenderbewegung auch davon in der Vergangenheit distanziert. Aber auch dorthin wollen wir wieder Verbindungen schaffen, da wir, wie gesagt, die - historisch sicherlich teilweise notwendigen Abgrenzungen - mittlerweile für schlicht überholt und wenig sinnvoll halten.




 
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